Auch komorbid? 

Auch Komorbid?

 

Angenommen, Sie tragen eine Teleskop-Prothese, die Sie wahnsinnig macht. Sie hat die gleichen Fehler wie die erste, die zurückgenommen wurde und kippt, weil Ihre Vorderzähne, die jetzt Pfeiler heißen, zu kurz sind. Ihr Zahnarzt ist am Ende seiner Möglichkeiten und bedauert, dass sie kein Kaninchen sind. Dann wären Ihre Vorderzähne länger. Sie hingegen denken so: Ihre Vorderzähne sind nicht kürzer als die Ihres Zahnarztes und: Wie kurz wären dessen Zähne nach Beschliff mit nachfolgender Überkronung? Auch die würden kürzer. Selbst beim Kaninchen würden sie kürzer, wären aber immer noch lang genug für eine Teleskop-Prothese.

Mit Ihrem Zahnarzt verständigen Sie sich auf ein Mängelgutachten, wovon sich dieser Wissenszuwachs durch einen erfahrenen Kollegen erhofft und Sie eine Verbesserung Ihrer Situation. Leider beraten Gutachter aber keine Kollegen, sondern beurteilen deren Arbeit. In Ihrem Fall mit folgendem Ergebnis: Ihre Teleskop-Prothese sei fehlerhaft, und Sie würden leiden wie ein Hund. Hilft das Ihrem Zahnarzt? Nein. Diffuses Geschwätz meint der - und sitzt fest. Ein Obergutachter muss her. Dafür sorgt Ihre Krankenkasse, der es auch langsam reicht. Jetzt müssen Sie aufpassen! Obergutachter sind gelegentlich schlecht gelaunt, wenn sie auf Patienten treffen, die ständig darüber grübeln, wie ihr prothetisch versautes Leben funktionieren soll - Dort interessiert nur Ihre Prothese. Außer bei Ihnen. Wegen Ihrer Nerven. Weil die inzwischen noch schlechter sind als Ihre Teleskop-Prothese. Womöglich sind Sie sogar schon verrückt geworden, ohne es zu wissen. Obergutachtern entgeht auch das nicht, besonders wenn sie im selben Tennisclub sind wie Ihr Zahnarzt. Dann könnte tatsächlich passieren, dass Sie zum Irren mit der Teleskop-Prothese erklärt werden, eine auch im Sinne des ärztlichen Glaubensbekenntnisses angenehmere Vorstellung, als wenn Sie eine Teleskop-Prothese verrückt gemacht hätte.

Günstig bei diesem Unterfangen wäre es, sie wären komorbid. Noch besser wäre es, Sie wären schon länger komorbid, und am besten wäre es, Sie wären schon komorbid geboren worden. Den Obergutachter zu fragen, ob er bescheuert ist, Drogen nimmt, oder zu viel trinkt, trauen Sie sich nicht. Schade eigentlich.

Wenig später erhalten Sie von Ihrer Krankenkasse das Obergutachten. Hiernach ist Ihre Teleskop-Prothese einwandfrei - nur Sie nicht. Damit rennen Sie zu Ihrem Zahnarzt und fragen ihn, was das bedeutet. Darauf lächelt er, womit er Ihnen sagen möchte, dass seine Zahnprothese ein Meisterwerk ist und Sie ein Idiot sind. Was das mit dem obigen Bild zu tun hat? Es zeigt Fernando G., kurz vor seiner Einweisung. Zuletzt sah er nur noch Teleskop-Prothesen, selbst auf der Wiese. Wenige Wochen zuvor wurde ihm von einem zahnärztlichen Obergutachter bescheinigt, gewisse Komorbiditäten seien bei ihm nicht auszuschließen. Ich hoffe, so weit kommt es bei Ihnen nicht.

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